Die Geschichte einer Entscheidung
Ich übernehme Verantwortung
Und komme zurück zu mir.
Ich schwelge in Erinnerungen. In Talfahrten meines Lebens. Ich erzähle mal wieder eine Geschichte von mir.
Zwei Täler ploppen da sofort auf. Die Momente, als ich nach dem ständigen Funktionieren nicht mehr das Leben lebte. Ich existierte so vor mich hin.
Ich war Anfang 20, saß im Auto bei meiner Arbeit und wählte die Nummer eines Therapeuten, stellte mich kurz vor und sagte ihm: “Ich habe keine Kraft mehr, ich fühle nichts mehr, ich brauche bitte Unterstützung, haben Sie einen Termin für mich?”
Ich hatte damals zu lange funktioniert, im Job und in der Beziehung. Irgendwann war meine harte, zähe Nuss an mir auch geknackt. Gefährliche Kombination, wenn du dich in beiden Feldern selbst Stück für Stück ständig weiter verlässt.
Der Arzt verschrieb mir Antidepressiva. Ich saß zu Hause bei Mama, mit dem Rezept in der Hand und sagte “Mama, ich möchte diese Tabletten nicht nehmen, ich schaffe das ohne sie, da rauszukommen.” Das Wählen der Nummer war wie der erste Aufbruch zu mir selbst zurück, ich wollte keine Medikamente, ich sah ein kleines Stück irgendwo weit weg bereits einen anderen Weg. Da war Hoffnung. Es dauerte seine Zeit, doch ich nahm wieder Platz in meinem Leben ein, holte mir meine Lebendigkeit zurück.
Dann, etwa 10 Jahre später, neuer Loop in einem tiefen Tal. Mein bisher tiefstes. Nachdem ich halb tot, ja so fühlte ich mich, nur mehr zu Hause rumschwirrte. War halb Geist, halb irgendwie noch am Funktionieren. Mein damaliger Ehemann kam eines Tages nach Hause, mit Tränen in den Augen, völlig verzweifelt blickte er mich an und ich fragte “Was ist los?” Ich werde die Worte, seine Verzweiflung darin nie vergessen “Ich hatte solche Angst, wenn ich jetzt nach Hause komme, dass du dir was angetan hast.” Was ich antwortete? “Nein, du brauchst dir keine Sorgen machen, ich tu mir nichts an, versprochen und ich bin ja jetzt bei einer Therapeutin, ich bekomme das schon hin.”
Dass ich bereits über ein Jahr kämpfte um uns, den Auslöser für meinen Zustand mehrmals benannte, war in dem Moment nebensächlich. Ich wollte ihn einfach beruhigen, über das eigentliche Thema hatten wir davor einige Male gesprochen, sichtlich erfolglos. Lange hatte ich auch dieses “Den anderen halten. Den anderen beruhigen. Die Angst des anderen auffangen. Alle anderen, dann erst ich.”
Paar Wochen später ging jedoch nichts mehr, ich konnte nicht mehr essen, aufstehen nur wenn es sein musste um mal auf die Toilette zu gehen. Ich war einfach leer, da war keine Energie mehr. Ich war wie so eine leere Hülle.
Wie schlecht es mir in meinem Leben auch bisher mal ging, Essen konnte ich immer. Als ich dann allerdings sogar damit aufhörte, war etwas an mir, das subtil erkannte, ich bin in einer äußerst kritischen, engen, unbekannten Phase angelangt. Ich wusste irgendwie auch nicht, ob ich das überlebe, wenn ich so weitermache, dachte daran, mich in eine Klinik einweisen zu lassen. Es war, als würde ich mir selbst dabei zusehen, wie ich langsam aber doch zugrunde gehe.
Dann machte es tatsächlich Klick. Ich las ein Buch von jemandem, der über seine Depressionen schrieb und irgendwann war plötzlich diese Stimme da. Dieses “Jetzt.” Diese Stimme stellte mich vor die Wahl, in die Eigenverantwortung zu gehen oder sie weiter abzugeben. Auch die Worte dieser Stimme werde ich nie vergessen “Du musst und kannst dich JETZT entscheiden.”
“Option A: Du gehst weiter zugrunde, kämpfst in einem Feld, wo es sich nicht zu kämpfen lohnt, oder Option B, du nimmst dein Leben wieder selbst in die Hand und wählst, wählst zu gehen, für dich und dein Leben. Es gibt diese beiden Möglichkeiten, du hast die Wahl. Jetzt.”
Bis heute habe ich keine Ahnung, was da passierte, doch ich wusste in dem Moment, ich darf aufgeben, aufgeben weiter zu kämpfen. Und es wird mich niemand im Außen retten, ich darf mich selbst retten. Als ich aufhörte zu kämpfen, fing ich an, für mich zu handeln. Weil ich gegen etwas kämpfte, das längst vorbei war und sich nicht verändern ließ. Du kannst Menschen auch nicht verändern, wenn sie nicht selbst dazu bereit sind. Ich konnte plötzlich sehen. Fühlte endlich wieder einen Funken an Willen zu leben.
Ich konnte auf einmal auch eine Absurdität dessen erkennen, mich in eine Klinik einliefern lassen zu wollen, weil ich für etwas kämpfte, während alle anderen in diesem Feld dagegen kämpften. Da lüftete sich ein Schleier.
Gemeinsam mit therapeutischer Hilfe und Selbstrecherche versuchte ich in der Zeit sogar die Menschen um mich weiter zu verstehen, wie sie ticken, warum sie tun, was sie tun. Ich dachte, dann schaffe ich das, mit Verständnis. Dann kann ich bleiben. Doch wenn trotz Verständnis die Grenzen immer wieder überschritten werden und du dich dabei jedes mal selbst verlässt, kannst du in dem Feld kein Glück, keinen Frieden finden. Hörst du mein Muster “Wenn ich den anderen genug verstehe, wird alles gut.” ?
Ich werde wohl nie erfahren, was mir diese Kraft an diesem Kipppunkt schenkte, die ich eigentlich nicht mehr hatte, denn ich wählte in dem Moment: Mich. Mich selbst und mein Leben.
Da war in der hintersten Ecke in mir ein “Ja!” Und mit dem Moment der Entscheidung schöpfte ich neue Kraft, den Willen und die Gewissheit, zu gehen und mir ein neues Leben zu gestalten. Da war wieder dieses “Ja” zum Leben, dieses “Ja” für mich, dass ich vergessen hatte. Ich weiß nicht, wie das möglich war in meinem Zustand.
Ich hatte Klarheit, fing wieder an zu Essen und meine Lebensenergie kam Stück für Stück zu mir zurück, ich führte ein Gespräch mit meinem damaligen Mann, wir ließen uns scheiden, ich packte mein Hab und Gut und ging. Für mich. Ich holte mir mein Strahlen wieder zurück. Begann wieder zu fühlen, mich zu spüren. Mir selbst zu begegnen und das Leben zu genießen.
Während dieser ganzen Zeit wusste ich schon auch den Grund meines Zustandes, doch ich kämpfte, immer weiter und trotz allem: Es war mein Weg.
Und ich wusste es damals auch nicht besser.
Vielleicht klingt es etwas seltsam, aber ich möchte diese tiefen Täler nicht missen. Nichts davon. Sie haben mich so unfassbar vieles gelehrt. Rückblickend betrachtet eine der lehrreichsten Erfahrungen für mich als Mensch. Ich konnte daraus so viel über mich lernen und es katapultierte mich in Prozesse, sodass ich mich krass entwickeln konnte. Ich packte mir die Tiefs und münzte sie mir um, machte sie mir dienlich, baute mir daraus ein neues Fundament.
Nie hatte ich böse Gedanken an die Menschen in diesem Umfeld, auch gab es keinen Schuldigen - sie nicht, ich nicht. Für mich waren das Begegnungen, die mich reinstoßen, um zu erkennen, zu lernen, zu sehen. Ich fühlte in mir immer schon, dass Menschen, meine Gegenüber, es im Ursprung nicht böse meinen, sie wussten es nicht besser. So, wie ich. Heißt nicht, dass ich entschuldige, was sie alles getan haben.
Es gibt für mich Engel und es gibt Arschengel.
Die Art von Arschengel waren da, um mich erkennen zu lassen, dass ich es wert bin, für mich einstehen darf und ich hätte wohl ohne diese Tiefs nicht die Ent-wicklungprozesse all der letzten Jahre durchlaufen und das Bewusstsein entwickelt. Wenn ich mich selbst ein großes Stück verlassen habe, drückten mich die Arschengel in die Ecke, bis es nicht mehr ging, damit ich es endlich mal checke. Nach dem letzten Tal hatte ich es, kurz vor knapp, kapiert.
Die Engel? Ja die wundervollen Engel. Meine Familie, meine Freunde. Sie waren da. Immer, zu jeder Zeit. Sie schenkten mir die Liebe und den Raum, den ich mir selber nicht mehr schenken konnte. Sie glaubten an mich, als ich aufhörte, selbst an mich zu glauben. Und sie ließen mich meinen Weg gehen. Keine ungefragten Ratschläge und Tipps, kein “Dann geh doch einfach.”
Dieses “Gehen” ist nicht einfach ein Gehen. Da steckt so viel mehr dahinter, innere Prozesse, warum man nicht gleich gehen kann oder will oder wie auch immer. Aus meinen Erfahrungen kann ich sagen, ich weiß, wie es ist und sich anfühlt, wenn Gehen noch nicht möglich ist.
Und weil es gerade in meine Geschichte hier passt, nach diesem letzten Erlebnis folgte dann eine Begegnung, mit demselben Muster, das gleiche Drücken in dieselbe Ecke. Doch ich war bereit, erkannte es, verstand meinen Gegenüber und dieses mal, durch die vergangenen Erfahrungen auch gleich mich, so zog ich Grenzen für mich, stand für mich ein und: ging gleich.
Das Leben sagte “Na? Haben wir`s jetzt wirklich gelernt?” Ja. Hatte ich. Ich durfte das integrieren, in mir. Auch dank der Arschengelbegegnungen konnte ich mir selbst erfahrbar erarbeiten: Weil ich es mir wert bin.
Mein Leiden war da und hatte am Ende nicht das letzte Wort. Und ich hatte mir aus dem Leid und dem Schmerz am Ende etwas erschaffen und kreiert, für mich.
Und das Verständnis. Ich trage viel Verständnis in mir, sehe Muster. Schaue nie nur, was passiert, sondern warum. Aber ich durfte auch lernen und integrieren: Man kann Verständnis haben und trotzdem seine Grenzen ziehen, für einen selbst.
Ich kann es nun endlich leben und sagen:
“Ich verstehe dich, aber ich gehe trotzdem.”
Es gibt immer einen Weg. Selbst aus dem tiefsten Tal.
Immer. Immer. Immer.
Auch wenn ich für Momente dachte, es gibt keinen mehr.
Doch. Es gibt einen.
Ich konnte ihn nur nicht immer sofort erkennen.
Und ich bin selbst die Autorin meiner eigenen Geschichte.
Ich schreibe. Mein eigenes Leben.
Und wähle: Mich selbst.



Alles Gute für Dich. Ich steh noch am Wegkreuz und sehhe keinen Sinn im Weitergehen mehr.