Der verlorene Zwilling
Maximale Nähe und maximaler Verlust
Die Suche. Und das Trauma. Mein Ur-Trauma.
Mein Erinnern, meine Zellen, mein Körper, die mir endlich erzählen durften, was damals passiert ist. Und ich hab zugehört.
Ich tauche ja auch mal gerne in tiefe Landkarten und entschlüssle mich. Und für mich ist Trauma einfach auch Thema im Mensch-Sein.
Nachdem ich einige Zwiebelschichten an mir abgeschält hatte, zeigte sich eine Schicht, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. Dieses Zwiebeln ist irgendwie so ein “Hobby” geworden. Man verliert sich nicht darin, aber mag es einfach sich weiter kennenzulernen und freizulegen. Ich hab durch mein Trauma wohl auch keine Angst, was unter den nächsten Schichten liegt.
Die letzten Jahre sagte ich oft „Ich suche was und weiß nicht, was ich suche. Ganz subtil, leise, man merkt es fast nicht, aber da ist was.“ Ich fühlte es tiefer, als mein Verstand es greifen konnten, ich als Mensch es greifen konnte. Es zeigte sich jedoch nie, was ich denn da suche, egal wie tief ich tauchte.
Manchmal hab ich`s gespürt, wie ich hätte ausrasten können. Die Wut. Dieser Bereich, wo es kippen will. Weil ich mir dachte „Du hast alles, du fühlst so tief, du vertraust, du liebst, du strahlst - was verdammt nochmal suchst du noch in deiner menschlichen Inkarnation, wenn auch alles da ist!?“
Dann? Durfte ich es erkennen. Nach fast 35 Jahren. Teile für Teile fielen mir ungefragt zu. Bis es eines Abends richtig -klick- machte. Weil ich wohl bereit war. Für einen weiteren Teil meiner Wahrheit, meinem Erleben, welches ich dann auch in jeder Faser meines Körpers spüren konnte.
Ich glaube, diese vorherigen bestehenden Zwiebelschichten haben genau das geschützt, was für mein System, für mich als Mensch, lange Zeit noch zu groß war. Erst nach und nach wurde alles freigelegt. Zu überwältigend. Zu existenziell. Ich wäre zu früh wohl daran zerbrochen. Ich hätte mich noch nicht darin halten können.
Vertraue dem Prozess. Alles kommt richtig. Dann, wenn du bereit bist.
Ich hatte eine Zwillingsschwester, im Bauch, von Mama. Sie ist allerdings nicht inkarniert.
Dieser erfahrene Verlust in der ursprünglichen Einheit ist in meinem System eingebrannt. Da war noch kein „Ich“ und „Du“. Da war ein „Wir“. Ganzheit. Essenz.
Ich suchte subtil in diesem Leben ständig meine Zwillingsschwester und dieses damalige Einheitsgefühl fernab der Dualität hier.
Verlust, Trennung und Einheit, Tod, Liebe und Schmerz im selben Moment zu erfahren ist...nun ja, es hinterlässt Spuren. Spuren, die ich ewig nicht greifen konnte.
Du bist noch nicht mal geboren und erlebst einen Verlust im gemeinsamen Eins-Sein. Dann musst du noch aushalten, dass der Anteil im gleichen Raum neben dir, dich verlässt. Du harrst dabei aus. Musst. Dem Tod, dem Verlust und der Liebe gleichzeitig so nahe und vollkommen wehrlos ausgesetzt.
Ich war gleichzeitig im selben Raum mit dem Entstehen des Lebens und dem Vergehen des Lebens.
Dafür gibt es keine Worte als Mensch. Diese Prägung zieht sich durch mein ganzes bisheriges Leben. Äußerst subtil.
Plötzlich verbanden sich auch Punkte in meinem Leben, in kürzester Zeit fügte sich ein Bild aus unzähligen Mosaikteilchen als Ganzes. Da ratterte ein Film vor mir ab im Schnelldurchlauf und ich konnte ihn einfach sehen und fühlen. Ich verstand plötzlich so vieles an mir als Mensch und in meinem Leben. Ich verstand tiefe Schichten an mir. Nicht mit dem Kopf. Sondern auf anderer Ebene. Ich lernte mich auf tiefer Ebene wieder neu kennen.
Bin dann mal für eine Woche zusammengeklappt, hab Gefühle durchgefühlt, als hätte ich gestern meine Schwester, meine zweite Hälfte, einen Anteil von mir, verloren. Mein Nervensystem ließ sich endlich komplett fallen. Meine innere Stabilität dafür war da. Ich hab mich dem Prozess einfach hingegeben. Mein Nervensystem durfte endlich die Trauer nachholen, all das fühlen, was es als Embryo und 35 Jahre nicht verarbeiten konnte.
Und hui…da war Schuld, Sehnsucht, Verlust, Schmerz, Liebe,… so viele tiefe Gefühle, die ich in der Art noch nicht fühlte.
Es war richtig krass, mein bisher heftigster emotionaler Tsunami, ich dachte, ich hätte die schon hinter mir. Wieder mal ein Nö. Aber ich konnte mich darin halten, mich beobachten.
Was ich in dem Moment auch gelernt habe? Im Job zu sagen „Mir geht es nicht gut, ich komm die Woche nicht ins Büro“ und meine Eltern anzurufen um weinend zu sagen „Ich bin über Ostern nicht zu Hause, ich kann nicht, es geht mir nicht gut.“ Für mich und meine Bedürfnisse einzustehen. Unabhängig, wie das Außen reagiert, oder was es von mir will. Ich hab mich sofort um mich selbst gekümmert, mich an meine erste Stelle gestellt und war da für mich. Wusste, ich brauche mich gerade mehr, denn je.
Die Erfahrung des verlorenen Zwillings ist irgendwie Fluch und Segen zugleich. Doch ich bin am Weg mir den ganzen Segen daraus zu schöpfen.
Wollte mir dann mal kurz „Illusion“ einreden, aber nein - ich hab Erfahrungen als Mensch gewählt, es mit und durch jeder Zelle in mir gefühlt, da ging mit Illusion halt auch nichts mehr. Manches darf man auch einfach erfahren.
Und Zellen lügen nicht. Tränen aus der Tiefe auch nicht. Gänsehaut und die Kälte, die den Rücken runterläuft, genau so wenig.
Später erzählte ich meiner Mama davon und stellte ihr Fragen. Über die Schwangerschaft, meine Geburt… Sie hielt plötzlich inne und sagte „..Geburt war gut, aber ich hatte an deinem Geburts-Tag das Gefühl, du willst eigentlich nicht raus… Ich musste schmunzeln. Klar wollte ich nicht raus, weil ich eigentlich ohne meiner Schwester nicht inkarnieren wollte.
Wenn ich die letzten Wochen eines akzeptiert habe, dann, dass ich diese tiefe Verbundenheit und ihre Suche darüber in diesem Leben auf die Seite legen darf. Und für mich integrieren.
Ich darf mir diese Ganzheit nämlich selbst schenken.
Und ich darf mein gewähltes Leben leben. Ganz. Ich muss auch nicht für zwei leben. Oder mich bremsen. Subtil hab ich mir nämlich manches nicht erlaubt, mich gern mal kleiner gemacht. „Darf ja nicht, meine Schwester darf ja auch nicht.“ Ja, es gibt auch eine Schuld, weil ich überlebt habe.
Ich muss auch nicht das Leben meines Zwillings mitleben. Nichts ausgleichen. Meine Existenz ist an keine Bedingung geknüpft. Ich darf mir meine Energie für zwei, die ich habe, aber voll und ganz dienlich machen. Für mich und für den Dienst und mein Wirken an der Welt.
Denn ja, wenn mir meine Schwester, die Erfahrung als alleingeborener Zwilling fühlbar was hinterlassen hat, dann Tiefe, Empathie, Wahrnehmung und Energie für Zwei.
Klar, ein kleiner Anteil von mir sucht noch, es dauert und braucht seine Zeit. Denn ich war unbewusst mein bisheriges Leben lang auf der Suche im Außen nach diesem einen Menschen, der mir diese Lücke füllt. Ich suchte jemanden, mit dem ich in der Art verschmelzen kann und der mich in meiner tiefen Tiefe greifen kann.
Jedes spirituelle Event, jedes tiefe Gespräch, die tiefste Beziehung in Seelenverbindung hat mich auf subtile, ganz feine Art irgendwo dann doch gelangweilt - ein Anteil suchte leise aber doch immer weiter und mehr, noch tiefer. Ein “zu tief” gab es nie.
Ich war letztes Jahr so weit, dass mich kurz alles an der Oberfläche (und die Spanne war groß) plötzlich so langweilte, sodass ich in den Widerstand ging. “Das ist es nicht” “Da fehlt was” “Das reicht nicht”. Nun kann ich alle Ebenen wieder annehmen, denn ich habe auch diese stille Erwartung an andere lösen können. Weil ich auch verstanden habe, wonach mein System sucht. Meine unbewusste Projektion auf andere durfte verpuffen. Ja, es ist eine weitere Befreiung.
Und Spoiler: Niemand im Außen kann mir menschlich diese Lücke füllen, weil auch kein Mensch jetzt mit mir die Symbiose im Mutterleib replizieren kann. Ich kann diesen Zustand der Vollkommenheit mit meiner Seelen-Zwillingschwester jetzt so nicht mehr erleben. Ich durfte auch mit dem Erkennen und Integrieren meine Beziehungen, mein Aussen verändern.
Ich wollte darin Unterstützung, ein “Da will ich jetzt nicht alleine gehen” zeigte sich. Hab mir nach dem Tsunami eine Therapeutin gesucht, die das selbst erlebt hat und aus Erfahrung spricht. Sie kann mich sehen. Tut gut. Beim letzten Termin sind wir in die Zeit in Mama`s Bauch. Mein System, meine Reaktionen, meine Gefühle in der Phase, wo alles “gut” war im Vergleich zu der Phase, wo “nicht mehr alles gut war” ist jetzt noch erstaunlich, es wahrzunehmen. Beispielsweise diese spürbare Wärme und Kälte,…dieser Wechsel, wie sich mein Zustand veränderte, wenn man da Jahrzehnte später rein geht. Wow. Wirklich. Faszinierend.
Am Ende weiß ich, dass die Erfahrung FÜR mich ist. Meine und unsere Entscheidung. Auch wenn es menschlich wohl mein größter Schmerz ist. Manchmal weine ich, so aus dem Nichts, weil ich mir so sehr wünsche, dass diese Verbundenheit und meine Schwester einfach jetzt hier ist, mit mir. Oder mal so einfach gemeinsam was unternehmen, über Gott und die Welt reden. Diese Verbundenheit und Tiefe menschlich erfahren. Da kommt mir diese Erinnerung plötzlich ins Feld. Und das ist okay.
Ja, Sensibilität ist auch so ein Ding als verlorener Zwilling. Die Intensität. Diese Gefühle durch meinen Körper zu fühlen und meine Wahrnehmung. Meine Mama sagt immer “Du bist in dem was du fühlst und spürst, sowas von feinfühlig. Wie du deinen Körper spürst..” Ja. Erneuter Schmunzler.
Und klar, da waren auch Vorwürfe an meine Schwester wie „Du hast mich hier einfach alleine gelassen.“ Ich weiß, dass hat sie nicht, aber mein System… Und da war die Schuld an mir „Warum ich und nicht Du…“
Doch ich liebe die Alchemie. Ich münz(t)e mir auch diesen Schmerz in Liebe. Ich dreh und wende mir die Medaille. Auch wieder darin. Ich hab soviel Lebenskraft, dieses tiefe Urvertrauen, ich mache mir mein Ur-Trauma dienlich.
Meine Erfahrung und meine Schwester und wir gemeinsam, haben Spuren hinterlassen, bevor ich davon erfuhr. Und ich weiß es nicht, aber vielleicht hinterlasse ich jetzt welche - in meiner Offenheit, meiner Tiefe, meiner Bereitschaft, das Schwere in Liebe zu wandeln und zu verkörpern.
Vielleicht klingt das ganze auch nicht greifbar. Versteh ich. Und ich weiß auch, dass dieses Thema und Trauma -noch- ziemlich im Hintergrund schwebt. Keine Ahnung, warum ich den Impuls habe, diesen Text zu posten. Über mein Ur-Trauma zu sprechen ist wohl mein seelisch nacktester Beitrag auf Substack. Aber ich vertraue, auch auf meine innere Stabilität, die ich entwickeln durfte.
Und vielleicht kann ich dazu beitragen, etwas sichtbarer zu machen. Auch, weil ich es selbst erlebt habe. Ich spreche aus keiner Theorie.
Ich hab in mir auch verstanden, dass ich niemanden was beweisen muss. Niemand muss mich darin verstehen. Und ich auch nicht mehr für zwei leben muss, um etwas auszugleichen. Ich mach mein Ding und erlebe mein Leben. In all der Liebe die ich fühlen darf.
Aus meinem Herzen, von Herzen und zu Herzen.
Das ist wohl die größte Ehre, die ich mir selber schenken darf und ja, auch meiner Schwester.
Himmel und Erde.
🦋.




Das hat mich sehr berührt…
Ich habe einen Zwillingsbruder. Direkt nach der Geburt getrennt.
Er kam heim. Ich blieb noch zwei Tage und kam nach.
Er ist zwar da aber irgendwie nicht. Die Verstrickung erlaubt ihm nicht zu mir rüberzukommen. Er lehnte die Einheit immer ab. Das tat sehr sehr weh. Inzwischen verstehe ich warum und dass er nicht anders kann. Ich habe es losgelassen denn es ist sein Weg und ich habe meinen.
Aber die fehlende Einheit von der du schreibst berührt mich gerade sehr denn das ist wohl wonach ich vielleicht immer so stark gesucht hatte.
Liebe Eline, ich selbst habe auch einen Zwilling, der leider neben mir im Bauch verstorben ist.
Ich erschauderte einige Male beim lesen deines Textes, weil ich diese von dir beschriebenen Gefühle sehr gut selbst empfinde…
Oft schon empfand ich es als eine Last so viel zu fühlen und sensibel zu sein.
Mittlerweile jedoch begriff ich, dass es auch ein Segen ist diese Welt so intensiv zu spüren.
Vlt spüre ich für meinen Zwilling einfach mit ❤️
Ich danke dir von Herzen für diesen Text.
Lg, Sophia