Der Fuchs
Zwischen eleganter Flucht, Auflösung und dem Wiederauftauchen
Da war die Stimme mit der Frage: Worin kann ich mich eigentlich nicht verlieren?
Arbeit, Perfektionismus, Overthinking, Beziehungen, Helfen, Wissen aneignen, Beobachterrollen, Erkenntnissuche, Alkohol, Dates, Serien, Sport, Selbstoptimierung, Bestätigung, Erinnerungen,..
In Spiritualität. In Leidenschaft. In Schönheit. In Leichtigkeit. In Sehnsucht. In grenzenlosen Räumen.
Im Rumfliegen der Welten.
Also, in was kann ich mich eigentlich nicht verlieren? Da klackerts im Verstand und dann hörts auf zu klackern, er so “äähm…”
Ich sagte zu jemandem “Momentan verschlucke ich Romane. Ich mag derzeit den Zustand, da reflektier ich nicht, da flieg ich nicht, da bin ich nicht am Boden, da tauch ich einfach voll und ganz in die Geschichte ein und nehme daran teil. Wir eine Art von Urlaub, ABER….”
Genau. Das gute Aber. Hallo du Aber.
Denn auch in Bücher kann ich mich verlieren.
Ich kann mich im Schreiben verlieren.
Ins Reflektieren verlieren.
Verlieren im Sinne von in einen Zustand fliehen wollen, weil man irgendeinem anderen vielleicht ausweichen möchte.
Und da kann es schon auch knackig werden.
Da gibt es so eine Schwelle. Ich teste mich gerne und bin eine In-Grenzen-Taucherin, also würde ich mich nicht bewusst wieder zurück und in andere Zustände holen, ich könnte momentan ewig nur mehr Schreiben und über die Dinge philosophieren, sie aus verschiedenen Ebenen betrachten und Romane lesen und würde dann manches an mir und im Außen nicht mehr hören. Mein Kritiker würde sagen “Du verpasst Teile vom Leben hier!”
Es wäre dann ein Zustand im “sich auflösen” und da gibt es ja, wie schon mal erwähnt, noch einen Anteil an mir, diesen Anteil, dem die Oberflächlichkeit zu langweilig ist. Die Welt, die Enge, die Dichte,… da fängt der Anteil zu gähnen an.
Für ne Zeit lang war ich mal ständig im Eintauchen der Dunkelheit und der Schatten. Getarnt als “Interesse”. Der “Forschende Geist”, der will doch wissen, verstehen und für den Blick seines Großen Ganzen. Eh. ABER. Es war halt dann auch wieder an der Zeit, aus dem Feld zu gehen.
Hatte mich auch schon mal an der Supermarktkasse verloren. Oder nicht gecheckt, dass ich bei der Öffi-Station jetzt eigentlich aussteigen sollte, bin einfach weitergefahren. Oder in die falsche Richtung eingestiegen bin ich auch und hab es erst paar Stationen weiter bemerkt. Hoppala. “Guten Tag zurück, im Hier und Jetzt, Madame”. Da war ich irgendwo unterwegs, in der Weite, aber nicht da. Ich lach dann mit mir darüber, nehme das mit Humor, aber ein Anteil sagt auch “Duduu, da bleiben.”
Der gähnende Anteil, der würde das gerne tun, sich auflösen. Ich spür ihn manchmal ziehen. Oft ist es ihm, nüchtern gesagt, nunmal einfach zu öde hier und wie ein zu enges Korsett. Ein “Erzählt mir jemand was Neues!?” Gefühlt steht der Anteil auf einem unendlichen Spielbrett und spielen soll er nur mal im Radius von ein paar Kilometer. Da würde sich flüchten echt gut machen. Kann es dem Anteil eigentlich ja nichtmal übel nehmen, diese verlockende Flucht.
Ich kenne auch meine eigenen schattigen Anteile ziemlich gut. Manche sind ein Fuchs. Nur: Ich bin auch einer. Ein Fuchs. Die Frage ist, welchen Fuchs lass ich bestimmen, welchem Fuchs folge ich. Ist eine tägliche Aufgabe. Langweilig wird es in diesem Sinne also nie (der eine Anteil lacht)
Meine Seele liebt die Vielfalt. Die Dichte und die Weite. Die ganzen Möglichkeiten hier. Das Oberflächliche und die Tiefe. Und würde ich im Alltag nicht auch Auftauchen, wie sollt ich denn dann das Tieftauchen wieder entdecken, denn nur tief tauchen..hm..ich sag in meiner Sprache dann “Das geht sich nicht aus...” Und dafür bin ich auch nicht hier, um nur tief zu tauchen.
Es ist dieser ständige Tanz zwischen den Welten.
Und wie so ein Katalog, den du aufschlägst und die Seite wählst, wo du jetzt reingehst.
Meine entwickelte Achtsamkeit und mein Reinspüren in mich, ist mein Anker. Ich würd mich sonst wohl verlieren. Wie momentan in Romane oder ins Schreiben. Ich würde mich in die elegante Flucht der grenzenlosen Räume verlieren. Tschüss Irdisches. Das fühlt sich für mich halt auch so sehr nach zu Hause an. Aber ich bin Jetzt auch hier. Auf der Erde. Als Mensch. Und naja, genau genommen bin ich mein Zu Hause. Wo auch immer ich mich gerade befinde oder was ich tue.
Selbst meinen 40h Job weiß ich zu schätzen, weil er mich erdet. Reinkatapultiert in die banalen Alltagssituationen. Mir Kontraste aufzeigt. Hallo 3D. Das bringt mich auch wieder auf den Boden.
Ich sage nicht, dass mal ne Weile sich wo verlieren verkehrt war. Auch in den Zeiten, wo ich noch bisschen den Schlafanzug tragen wollte. Also ich fand die Phasen, wo ich mich mal verloren habe rückblickend betrachtet, ziemlich lehrreich und reich an Erfahrungen, und dadurch konnte ich mich wieder finden. Anderes finden. Neu finden. Erkennen. Verlieren - Finden. Das Spiel.
Ich kann jetzt auch mal in einem Tag ein Buch verschlucken. Weg sein. Oder komplett im Schreiben versinken. Ganzen Tag mit mir verbringen, wo die Zeit einfach nur verschwimmt. Aber dann erlaube ich mir das bewusst und dann tauch ich auch wieder auf. Der Fuchs eben.
Doch das Eis ist manchmal dünn. Ich ertappe mich dabei. Und fühl den ziehenden Anteil. “Bisschen noch bleiben, ist doch so toll hier.”
Die Sehnsucht nach Auflösung, der Unendlichkeit - und das Hier und Jetzt, der Alltag, die Dichte.
Ich schätze und liebe das Leben hier. Auch die Reize, die Reibungen, das Entdecken, die Gefühle, all die Schätze dieser Welt. Das ist ein Geschenk von mir an mich, vom Leben ans Leben selbst. Und dieser Anteil, das enge Korsett, die Dichte und ihre ganzen begrenzten Spiele, sind auch da. Und das darf sein. Mein Schlüssel ist, ihn an die Hand zu nehmen. Ihn bemerken, vor allem, wenn der Anteil fliehen will.
Das Versinken und Bemerken, dass ich wieder auftauchen darf. Ich tauche bewusst ab in die Weite und wieder auf in die Dichte.
Da ist dann noch die Weite mitten in der Dichte.
Da. Genau da. Einer meiner Lieblingsschlüssel.
Das macht richtig Spaß. Die Unendlichkeit zu spüren, während ich an der Supermarktkasse stehe oder Smalltalk über das Wetter führe. (Ja, mittlerweile hab ich den Widerstand über Oberflächenschwimmgespräche halbwegs gut ablegen können)
Aber auch darin kann man sich doch eigentlich verlieren.
Die Unendlichkeit ist der natürliche Raum meiner Seele, das Leben hier eine Erfahrung.
Nicht entweder Himmel oder Erde.
Himmel UND Erde.
Im gleichen Moment. Im Bemerken dessen.
Rein in die Abenteuer dieser Inkarnation. Rein in die Liebe zum Ganzen, inklusive des engen Korsetts. In dieses Flüstern “Ja, auch das hier”. Ich bin hier, um zu verkörpern. Rein ins Leben.
Ob das eingeschränkte Mensch-Sein, die Oberflächen-Gespräche, die Dichte, die banalen Alltagssituationen, die Weite, das gefühlt enge Korsett, ein Buch verschlucken, die Unendlichkeit und selbst die Termine, oder die verdammte Steuererklärung.
Ja, auch all das.
Ich lass den Fuchs laufen, wenn er laufen mag, gleichzeitig spür ich, wie der Körper atmet. Erhalte den Lohnzettel und lache im selben Moment über die Absurdität. Spüre die Sehnsucht im Anteil, der sich gerne auflösen und verlieren möchte, ohne gleich nachzugeben. Führe Oberflächen-Gespräche und bin da, genieße, was jetzt ist.
Ich bin der Fuchs und der, der den Fuchs beobachtet. Und der, der den Fuchs beobachtet im Beobachten des Fuchses.
* trommelwirbel* Herzlich Willkommen zu dieser Inkarnation.
Ich kann mich manchmal auf dünnem Eis bewegen. Aber das Eis ist gar nicht mehr so dünn, wenn du merkst, dass du das Wasser und das Eis bist.
Wenn du den Zustand, in dem du dich befindest, bemerkst.
Und wählst. Dir aus den unzähligen Schlüssel, die du hast, den ziehst, den du gerade ziehen möchtest.
Vermutlich werde ich mich wieder mal wo verlieren, aber anders, als all die Jahre davor. Und dann wieder was finden. Verlieren - Finden - Finden - Verlieren. Der Kreis ist derselbe. Aber ich bin eben auch ein Fuchs.



Wunderschön geschrieben…
Finds immer so witzig, wie sehr ich mich in deinen Texten wiederfinde! 🌸
Vielen Dank, bin irgendwie ein richtiger Fan geworden und jedes Mal wenn ein neuer von dir geschriebener Text erscheint, hüpft mein Herz vor Freude. Meist setze ich mich dann an ein feines Plätzchen, spüre, fühle und lese, vergesse Raum und Zeit und verliere mich. 💫
Lg, Sophia