Das 5. Rad am Wagen
Ich bin weniger wert und werde weniger geliebt.
8 Jahre war ich alt, als mein Bruder geboren wurde. Plötzlich war da noch jemand und ich bekam nicht mehr die volle Aufmerksamkeit. Und ich war alt genug, um Verantwortung zu übernehmen, auf meinen Bruder aufzupassen und ihn zu beschützen. Vor allem, wenn Mama & Papa nicht da waren.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Fußball eine große Rolle spielt. Schon immer. Ich lag im Kinderwagen schon bei den Spielen, ich verbrachte sehr viel Zeit auf Fußballplätzen.
Mein Papa spielte selber ewig, dann war er in einer Trainerrolle. Ich war immer beim Heimverein dabei, am helfen und mitfiebern und bei Spielen meines Bruders, bis ich auch mal selber im Vorstand eines Vereins tätig war. “Fußballfamilie” Ich habe das auch ewig mitgelebt.
Mein Bruder spielte Fußball, ab dem Moment, wo er einen Ball mit dem Fuß bewegen konnte. Er wurde gefördert, gefordert darin, chauffiert. Meine Eltern passten ihr Leben an seinen Fußballplänen im Alltag an. Manchmal durfte sogar ich meine freie Zeit widmen, um meinen Bruderherz zu Trainings, Spiele,.. zu bringen.
Und dann war da ich und ein Teil von mir.
Immer gesehen, aber gefühlt weniger als mein Bruder. Die ältere Tochter, die irgendwie das Gefühl hatte, in den Hintergrund zu rücken. Nicht genug zu sein. Nicht so erfolgreich zu sein. Die, mit einer gescheiterten Ehe. Die, die den gesellschaftlichen Rollen nicht so gerecht wurde. Das 5. Rad am Wagen.
Mein Bruder ist sodann auch noch Profifußballer geworden. Bis heute richten sich meine Eltern nach seinen Spielen. Manchmal fährt Papa für ein Auswärtsspiel auch mal 6 Stunden mit dem Auto. Für 90 Minuten Spielzeit. Weil er es unbedingt live sehen möchte und nicht im Fernsehen.
Ich fiebere selber mit und bin noch ab und an dabei. Ich bin unfassbar stolz auf meinen Bruder.
Doch irgendwann fing es an, mich mehr und lauter zu triggern bzw. ich nahm es bewusster wahr. Es kratzte ziemlich. Wenn wir zu viert am Familientisch saßen, drehte sich zu oft das Thema um Fußball & meinen Bruder. Ein Wort davon und alle Ohren waren auf ihn gerichtet. Irgendwann war mir dieses Fass zu voll.
Ich wusste immer, dass meine Eltern genau so stolz auf mich waren und mich genau so liebten. Sie genau so alles für mich getan haben und tun, mir Aufmerksamkeit schenken. Aber der Trigger war trotzdem da.
Meine Seele wollte hier erfahren, dieses Feld erkennen. Doch so ganz ging hier mein Knopf allerdings noch nicht auf.
Da ich eine Tiefenforscherin bin, wollte ich den Ursprung wissen. Ich sprach eines Tages mit einem Mentor darüber und genau da war es dran.
Plötzlich habe ich gesehen. Meine Rolle darin. Mein Lernfeld.
Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich verstand die Dynamik:
Mein Bruder lebt den Traum meines Vaters. Mein Bruder lebt das weiter, womit sich mein Papa am meisten je identifizieren konnte. Fußball.
Es war plötzlich alles so klar. Natürlich schenkt mein Papa dementsprechend Aufmerksamkeit. Wie könnte er auch anders, wenn sein Traum doch weitergelebt wird.
Ich hab meine Erkenntnisse dann im Alltag integriert und fühlte mich mit der Zeit nicht mehr wie das 5. Rad. Ich kam aus der Opferrolle raus, in die ich mich steckte.
Da war kein „Die lieben mich vielleicht weniger“, sondern ein „Da wirkt eine Dynamik, die mit meinem Wert und der Liebe rein gar nichts zu tun hat.“
Ich saß von nun an am Familientisch und hab’s kapiert, warum mein Papa und auch meine Mama diese Aufmerksamkeit meinem Bruder widmeten.
Das war wie ein 20-kg-Stein, den man plötzlich nicht mehr trägt.
Ich bin nicht die, die eine große Bühne will. Ich bin in unserer Familie die, die mehr im Hintergrund wirkt. Ich löse Muster, Prägungen, Themen von mir, meiner Familie und Ahnen. Still. Ohne meiner Familie wirklich davon zu erzählen.
Ich bin die, die aus der Reihe tanzt und trotzdem sind wir ein wahnsinnig tolles Familiengespann.
Mein Bruder lebt und liebt die Bühne, den Traum meines Papas. Ich nicht. Und trotzdem bin ich genau so viel wert und werde genau so geliebt.
Das hat nicht nur mein Kopf verstanden, das durfte mein Wesen integrieren.
Ich hatte mir danach „zufällig“ mit einer Methode meine tiefsitzendsten Glaubenssätze angesehen. Die, die ganz tief sitzen und von denen man gar nichts weiß. Im tiefsten Unterbewusstsein schweben.
Einer davon war: “Der Erfolg eines Anderen wird meinen zunichte machen.”
Ich musste wirklich herzhaft lachen. Es passte wieder so perfekt. Ich liebe es, wenn sich alles so klar fügt. Es war mein Bruder, der diese Aufgabe übernahm, um mir diesen Glaubenssatz in die Erfahrungsebene zu bringen. Das ist ein Seelenvertrag, der grandioser nicht hätte sein können.
Wer hätte mich das besser lehren können wie mein Bruder, meine Eltern? Genau. Niemand. Perfekte Konstellation in ihrer Verkörperung.
Manchmal ploppt aus Interesse auf, wer mein Bruder ohne Identifikation mit Fußball ist. Doch das ist sein Lernfeld, nicht meines. Für mich zählt, dass er glücklich ist und das ist er. Ich kann nicht wissen, welche Erfahrungen seine Seele alle wählte.
Würde ich das in meinem Umfeld erzählen, würden sie mich fragen, was mit mir nicht stimmt. Ich hätte ja die perfekte Familie mit soviel Liebe, Sympathie, Harmonie, im Einklang.
Jaja, die hab ich auch. Für mich die perfekte Familie, ich schätze alles daran.
Aber es gibt eben auch ein Familiensystem, Seelenverträge, unsichtbare Bänder, tiefe Dynamiken. Muster, Prägungen, Lernfelder von uns allen. Das Leben eben.
Und die schau ich mir nun mal an. Und jedes Mal, wenn ich wieder einen Knoten lösen konnte, in meinen Verstrickungen, Familienverstrickungen oder wie auch immer, dann fühlt sich das einfach großartig an. Es ist eine meiner Aufgaben hier.
Ich weiß nicht, ob ich in diesem Leben jemals meinen Eltern und meinem Bruder davon so erzähle, wie ich es hier schreibe. Es spielt aber auch keine Rolle. Ich weiß, dass sich unsere Seelen zuzwinkern und das reicht.

Ich finde dich so stark und reflektiert!
Nicht jeder schafft es aus der „Opferrolle“ raus zu kommen. Respekt. 🫶🏼
Manche Texte liest man nicht nur — man erkennt sich darin wieder.
Danke für diesen.